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Warum St. Bonifatius ein Pfingstfenster hat

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Wir haben nur ein Buntglasfenster in St. Bonifatius,
und dafür muss sich die Gemeinde auch noch umdrehen.
Lästige Angelegenheit.  – Eine verpasste Chance. – Schade eigentlich.
Das hätte man doch bestimmt zugänglicher, prominenter platzieren können.

Was in der Darbietung fragwürdig ist, macht theologisch aber Sinn.
Wenn ich hier vorne in die Kirche schaue,
dann sehe ich zunächst natürlich die versammelte Gemeinde;
doch wenn der Blick nach oben schweift,
steht sie – in der Form eines Giebeldaches – unter dem Schirm
der Apostel, der Gottesmutter, des Heiligen Geistes (Taube),
steht sie in der Verbindung des Pfingstfestes.

Wäre es im Altarraum hinter mir angebracht,
dann könnte es die Gemeinde vielleicht besser betrachten
(wenn beispielsweise die Predigt zu lang oder -weilig wird)
aber dann würde es vor allem die priesterliche Autorität,
die apostolische Nachfolge der Kleriker betonen,
und nicht das geistbegabte ganze Gottesvolk (Taufe).

Doch warum überhaupt das Pfingstmotiv?
Als ich vor ein paar Jahren den Künstler des Fensters
Reginald Lloyd kurz vor seinem Tod in Devon besuchte,
habe ich leider versäumt, nach dem Grund zu fragen.

Aber ich habe versucht, mich in die Lage der Deutschen nach dem Krieg,
als diese Kirche entworfen und 1960 dann auch gebaut wurde hineinzuversetzen:
Zurücklagen zwei Weltkriege, die es Deutschen in London nicht einfach gemacht haben.
Die pfingstliche Ausgangslage jedenfalls
sich aus Angst vor der dem Mob auf der Straße zu verbarrikadieren,
war alles andere als biblische Vergangenheit – das war hautnahe Erfahrung.

Die schlimmsten Ausschreitungen gegen Deutsche, aber beileibe nicht die einzigen,
fanden hier im East End im Mai 1915 statt, nach dem das kaiserliche U-Boot U-20,
die RMS Lusitania vor Irland versenkte und fast 1200 Passagiere binnen 18 Minuten ertranken.
In der Folge wurden deutsche Geschäfte geplündert und deutsche Familien terrorisiert.
Der Mob zerrte sie aus den Häusern, der Staat internierte sie. Der Guardian schrieb:
„Sie versteckten sich unter ihren Betten … und wurden aus den Fenstern geschmissen.“

Man plante sogar ein öffentliches Bekenntnis,
in dem Deutsche und Österreicher ihre Loyalität zu England
und ihre Ablehnung des Kaisers und seiner Kriegsführung beschwören sollten.

Eine Gemeinde, die in zwei Weltkriegen in feindseligem Umfeld ausharrte,
musste sich mit den verschreckten Aposteln in Jerusalem nur zu gut identifizieren können
und ebenfalls auf Bestärkung und Ermutigung durch den Heiligen Geist hoffen.
Aber nicht nur das …

Im Pfingstereignis des Johannes-Evangeliums ist die erste Gabe des Heiligen Geistes
und zwar in den Worten des Auferstandenen selbst: die Vergebung!

„Wem ihr die Sünden vergebt, dem sind sie vergeben;
wem ihr die Vergebung verweigert, dem ist sie verweigert.“ (Joh 20,23)

Das klingt beim ersten Hören – zumindest in kath. Ohren – nach Beichte;
aber ich glaube nicht, dass es Jesus hier um ein Amt mit Vollmacht geht,
sondern hier geht es darum, dass ohne Vergebung jede Sünde weiterwirkt,
egal wie weit sie auch in der Vergangenheit zurückliegen mag.

Und wir wissen heute, dass die Verweigerung einer Vergebung,
nicht nur den trifft, dem sie verweigert wird,
sondern auch den, der verweigert.

Ich kann natürlich niemandem die Vergebung vorschreiben.
Die Kraft dazu muss von jedem selbständig aufgebracht werden.
„Aber wenn ihr das schafft, dann sind Heilung und Segen möglich;
Wenn ihr das nicht schafft, dann bleibt die Sünde/ihre Nachwehen in der Welt.

Ein Aufruf zur Vergebung,
die Kraft zur Versöhnung,
das ist die erste Gabe des Heiligen Geistes.

Die Wahl eines Pfingstfensters für diese Kirche
ist für mich deshalb nicht nur Ausdruck einer verängstigten Ausgangslage,
sondern auch Ausdruck des Gottvertrauens für einen versöhnten Neuanfang.

Egal mit wem ich in den letzten Wochen aus der Nachkriegsgeneration gesprochen haben,
der Tenor war immer: Wir sind auf engl. Seite einer erstaunlichen Versöhnungsbereitschaft begegnet.
Kaum ein böses Wort, Kollekten für Kinder in Deutschland, Job-Angebote,
selbst zum Bau dieser Kirche hat der engl. Staat einen finanziellen Beitrag geleistet.

Heute können wir Deutsche in London eigentlich nur staunen,
was die damalige – gegebenenfalls auch gegenseitige – Vergebung möglich gemacht hat.

Und wenn das zwischen Engländern und Deutschen nach zwei Weltkriegen ging,
warum sollte es nicht auch zwischen anderen verfeindeten Völkern heute möglich sein?

Etwas mehr Gott-vertrauen, wäre jedenfalls ein guter erster Schritt.

Reginald Lloyd und sein Pfingstfenster
Die Einzelteile wurden in seiner Werkstatt in Devon gefertigt und erst in St. Bonifatius zusammengesetzt

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