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Vom Aussatz zur Heilung – eine biblische Spurensuche

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Wer hätte das gedacht? Ausgerechnet unter Medizinern findet in diesen Tagen die Bibel ein gesteigertes fachliches Interesse. Während Theologen die unzähligen Reinheits-­ und Kult-Vorschriften des Alten Testaments längst zu den Akten gelegt haben, finden Epidemiologen gerade hier zahlreiche Hinweise zu Krankheit und Seuchen, die erstaunliche Parallelen zu unserem derzeitigen Umgang mit Covid-­‐19 aufweisen.

Das Volk Israel mag vor über 2500 Jahren nicht unsere diagnostischen Möglichkeiten gehabt haben, aber ihre Beobachtungsgabe schulte sie doch in einem Maß, dass sie sehr wohl zu Schlussfolgerungen fähig waren, die Leben retteten.

So durften Kranke nicht das Gemeinschaftszelt betreten, sie sollten dem Essen fernbleiben, und jeder und alles, was sie berührt hatten, wurde desinfiziert und unter Quarantäne gestellt.

Selbst so etwas wie Kontaktnachverfolgung gab es: „Jeder, den der mit Ausfluss behaftete berührt, ohne zuvor seine Hände mit Wasser abzuspülen, muss seine Kleider waschen, sich in Wasser baden und ist unrein bis zum Abend“, heißt es etwa in Levitikus 15,11.

Der Grund, warum so viele Hygieneregeln Eingang in die „Weisung Gottes“ gefunden haben, folgt einem einfachen Denkmuster: Gott will das Leben ­‐ warum sonst gäbe es die Schöpfung?!

Und demnach ist alles, was dem Leben dient, auch gottgewollt. Alle Regeln und Vorschriften, die das Überleben des kleinen und bedrohten Volkes sicherstellten und förderten, erhielten somit den Rang eines Gottesgesetzes.

Und im Namen Gottes wurde auch ein ganzer Katalog von Verfluchungen für damalige Querdenker verfasst, die sich nicht an die Regeln halten wollten: „Der HERR wird dich schlagen mit dem ägyptischen Geschwür, mit Beulen, Krätze und Grind und keiner kann dich heilen.“ (Dtn 28,27). Der unerbittliche Ton dieser Schriften ist kein Zufall, sollte bewusst abschrecken und spiegelt sich heute noch in unserer Redensart wider, wenn „jemandem die Leviten gelesen werden“.

Aber nicht nur die Aufklärung war rau und drastisch, der Umgang mit den Kranken selbst war es auch: „Der Aussätzige… soll eingerissene Kleider tragen und das Kopfhaar ungekämmt lassen; er soll den Bart verhüllen und ausrufen: Unrein! Unrein!… Er soll abgesondert wohnen, außerhalb des Lagers soll er sich aufhalten“ (Lev 13,45f).

Soweit ist das alles von Alltagsmaske, Quarantäne und Tracking App heute nicht entfernt.

Die entscheidenden Unterschiede liegen auf anderer, wenn man so will theologischer Ebene. Krankheit wurde in biblischen Zeiten gemeinhin als Strafe Gottes angesehen.

Der Kranke war Sünder und hatte kein Mitleid verdient. Er wurde von der Gemeinschaft gemieden, wodurch er oft auch noch in Arbeitslosigkeit, Armut und Obdachlosigkeit geriet.

Den körperlichen Leiden folgte somit noch der soziale „Aussatz“.

Dass die Rechnung dieses sogenannten „Tun-Ergehen­Zusammenhangs“ nicht immer aufging, wurde zwar auch schon im Alten Testament diskutiert (s. S. 6-­‐7 Buch Hiob), aber erst im Evangelium des Jesus von Nazareth gehörte die rigorose Ablehnung dieser Vorstellung, ja geradezu ihre Verkehrung ins Gegenteil, zu den zentralen Aussagen.

„Nicht die Gesunden bedürfen des Arztes, sondern die Kranken“ (Lk 5,31), sagt Jesus, um zu begründen, warum er bzw. Gott den Kranken und Ausgeschlossenen nahe ist.

Dass seine Heilungen einen starken sozialen Akzent hatten und sich nicht auf ein medizinisches Wunder reduzieren lassen, illustriert sehr deutlich das Setting und die Rahmenhandlung der Geschichte von Bartimäus (Mk 10,46ff). Bartimäus ist blind und kann seinen Lebensunterhalt nur noch als Bettler bestreiten. Als solcher sitzt er buchstäblich ausgeschlossen vor den Stadttoren und am Wegesrand.

Plastischer lässt sich eine isolierte Randexistenz kaum beschreiben. Nach der Begegnung mit dem „Sohn Davids“ allerdings ist die Situation eine gänzlich andere: Bartimäus ist nun auf dem Weg, hat sich den Jüngern angeschlossen und steht zusammen mit ihnen in der Nachfolge Jesu.

Ich kann diese Blindenheilung als ein medizinisches Wunder und einen Machtbeweis des Gottessohnes lesen, den dieser an einem einzelnen, längst verstorbenen Mann vollbringt, oder aber auch als ein Beispiel, wie in der Gemeinschaft Jesu mit Krankheit und „sozialem Aussatz“ umzugehen ist.

Erstere Lesart versetzt mich in ehrfürchtiges Staunen, letztere ist mir kirchlicher Auftrag. Ausschließen müssen sich beide Lesarten gleichwohl nicht.

Aber Heilung im Sinne Jesu erschöpft sich nie in einem Kurieren der körperlichen Verwundungen. Wenn dem so wäre, dann dürften Wallfahrtsorte wie Lourdes eigentlich schon lange keine Existenzberechtigung mehr haben.

Doch die Prozession der Tauben, Lahmen und Blinden reißt nicht ab. Die meisten kehren mit denselben Gebrechen wieder nach Hause zurück, und sind doch nicht am Boden zerstört. Wie kann es sein, dass sie dabei weniger Enttäuschung als Ermutigung erfahren?

Es muss etwas mit einem Ort zu tun haben, der ausdrücklich sie willkommen heißt; mit anderen Kranken, die mit ihnen gemeinsam auf dem Weg sind; mit vielen Helfern, die sich ihnen zuwenden; und nicht zuletzt mit einem Gott, der gerade sie in seine Nähe ruft.

Aber eigentlich reicht das alles als Erklärung nicht aus. Eigentlich bleibt auch das ein kleines Wunder.

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