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Kölner Dom
Kirche im Rückspiegel

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Von Astrid Küllmann-Lee

Meine Erinnerungen aus den ersten sechs Lebensjahren in Köln spiegeln die damalige ‚Volkskirche‘: blumengeschmückte Altäre in jedem Fenster für die großen Prozessionen mit Baldachin und Monstranz durch die Straßen des Kirchsprengels, an den Wohnungstüren kleine Weihwasserschälchen an der Wand, Tischgebete, gemeinsame Familiengebete am Morgen und am Abend waren gelebte Tradition.

Als Kleinkind fühlte ich mich geborgen in der Großfamilie, behütet vom katholischen Gauben und dem Beistand meines Schutzengels. Mit großem Bedauern stelle ich heute fest, dass dieses Gottvertrauen in vielen Kleinfamilien der jüngsten Generation nicht weitergegeben wird. In meiner Heimatstadt waren vor dem 2. Weltkrieg 90% der Einwohner Katholiken und der katholische Glaube war fest im Alltag verankert, der Messbesuch aber eher fakultativ.

Geboren wurden die Babys in katholischen Krankenhäusern, in denen die Nonnen unermüdlich und aufopfernd arbeiteten und wo auch die Alten entschliefen, nun aber auf Wunsch auch mit dem Segen ihres evangelischen Geistlichen, denn die Zahl der Katholiken war in der Nachkriegszeit auf 50% der registrierten  Christen gesunken.

Meine Eltern führten eine gemischt-konfessionelle Ehe und mussten per Unterschrift bestätigen, das ihre Kinder im katholischen Glauben erzogen würden, bevor sie heiraten durften. 1955 zogen wir in eine Vorstadt mit stark dörflichem Charakter und lebten nun mit den evangelischen Großeltern zusammen. In Ermangelung einer katholischen Jugendgruppe nahm ich an den wöchentlichen Treffen der ev. Gruppe teil, und zusammen beteten wir das evangelische ‚Vater unser‘, das alle christlichen Kirchen heute das ökumenische nennen.

Auf die Erstkommunion bereitete uns der uralte Pfarrer Schmitz vor. Es gab keine Katecheten und keine Gemeindereferentin, nur den hauptamtlichen Küster und einen festen Organisten. Sonntags gingen fast alle Kinder der katholischen Grundschule in die Kindermesse, wo der Priester am Altar der Gemeinde den Rücken zukehrte und unserer Meinung nach ’sein Ding machte‘ und die lateinischen Gebete sprach. Im anschließenden Hochamt wurde nur lateinisch gebetet, auch das ‚Vater unser‘. Die Kirchenlieder waren in allen Messen sehr traditionell; es gab keine ‚Jugendmessen‘ mit modernerer Musik. Damals mussten auch Kinder nüchtern zur Kommunion gehen und in der Kirche bin ich regelmäßig noch vor dem Austeilen der Hostien ohnmächtig geworden. Die einzelnen Messteile erklärte mir ein Schulfreund, der Messdiener war, denn damals durften keine Mädchen am Altar dienen. Meine Firmung fand ohne besondere Vorbereitung schon im folgenden Jahr statt.

Erstkommunion in Köln 1953

Auf dem Städt. Gymnasium spielte Religion keine große Rolle bis die Freundinnen den zweijährigen Konfirmationskursus besuchten. Da begannen große Diskussionen, weil wir Katholikinnen uns verleumdet fühlten: angeblich war uns verboten das Alte Testament zu lesen. Die Vikarin, die nach kurzer Zeit Pastorin wurde und eine eigene, moderne Kirche bekam, bereite sie auf die Konfirmation vor. Der junge Kaplan, der an unser Schule katholische Religion unterrichtete, durfte nach seiner Priesterweihe ebenfalls seine eigene moderne Kirche planen und eröffnen, wurde aber von einigen erzkonservativen Gemeindemitgliedern weg-‚gemobbt“. Für uns Heranwachsende war das sehr verwirrend.

In diese Zeit fiel aber auch das Zweite Vatikanische Konzil. Es war eine Zeit des Aufbruchs: alle Messen in der Landessprache, Samstagabendmessen, Frauen sollten eine größere Rolle spielen, Mitarbeit von Laien auf allen Ebenen, Subsidiaritätsprinzip: Alle wichtigen Entscheidungen sollten auf der jeweils adäquaten Ebene getroffen werden. Vielen gingen die Vorschläge nicht weit genug, aber frau hegte die Hoffnung, dass dieser Anfang organisch zu weiteren Veränderungen führen würde.

Dann kam die Enzyklika Humanae Vitae und eine Großzahl der Gläubigen stellte enttäuscht fest, dass die konservativen Kräfte das Rad zurückgedreht hatten. Aber es gab kein Zurück: Geburtenkontrolle gehörte nun zum alltäglichen Leben. Immer mehr erwachsene, mündige Katholiken stellten nun ihr Gewissen über kirchliches Dogma und traten aus der Kirche aus.

Ich bin sehr froh über die tolerantere, weltoffenere Haltung der heutigen katholischen Kirche anderen Religionen, vor allen dem Judentum gegenüber, aber bedaure den fehlenden Gegenwartsbezug zu gesellschaftlichen Entwicklungen. Die ‚Väter und Mütter‘ des deutschen Grundgesetzes aus dem Jahr 1949 waren sicherlich ihrer Zeit voraus, denn trotz offizieller Gleichberechtigung wurden Frauen noch lange von ihren Männern bevormundet. Aber die Kurie hinkt der Zeit hinterher. In Bezug auf Messen gab es willkommene Modernisierungsanfänge, grundlegende Intentionen wurden jedoch nicht ausgeführt. Aber ebenso wie ‚Brexiteers‘ und ‚Remainers‘ lernen müssen miteinander auszukommen, müssen das auf Dauer auch konservative und progressive Fraktionen innerhalb der katholischen Kirche tun.

3 Kommentare

  1. Sehr schön geschrieben.
    So kenne ich es aus Erzählungen meiner Mutter.
    Heute sind meine Jungs stolze Domminis. Und leben den weltoffenen, christlichen Glauben weiter.

    • Eindringlich beschrieben der „gelebte Volksglaube“ aus den Trümmern des Krieges heraus als kollektiver Zufluchts“ort“ der hoffnungsuchenden und traumagezeichneten deutschen Nachkriegsgesellschaft… gemeinschaftlich gelebter Glaube vermochte gewiss ein Nest der Geborgenheit für die nächste Generation bereitzustellen, in der neues Urvertrauen in eine allen Irrungen und Schrecken menschlichen Handelns enthobene Macht (Gott) möglich wurde.

  2. Sehr schön geschrieben. Man fühlt sich teils wirklich zurückversetzt in eine frühere Zeit. Meine Mutter erinnert sich gut an ähnliche Abläufe wie zum Beispiel, dass man nüchtern die Hostie entgegen nehmen musste. Aber, sie hat mir nach dem Lesen dieses Artikels auch erzählt, wie strickt man war: freitags gab es kein Fleisch und wenn man wirklich mal aus versehen Fleisch gegessen hatte, dann wurde dies auch gebeichtet. Aber, ob nun meine Mutter oder ich, wir sind beide froh, dass die katholische Kirche heute toleranter ist und auch liberaler in vielen Dingen. Herzlichen Dank für den interessanten Bericht.


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