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Karfreitagsmeditation: Nichts geht mehr – oder?

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Sie stiegen mir über den Hals, da brach meine Kraft.
Der Herr hat mich ausgeliefert – da kann ich mich nicht aufrichten.“

(Klagelieder 1,14)


„Das öffentliche Leben ist zum Erliegen gekommen“,
so heißt es in diesen Tagen überall auf der Welt
und inmitten der grassierenden Covid-19 Pandemie.
Auch der Kreuzweg Jesu steht still.
Er liegt am Boden. Schon wieder.
Das dritte Mal. Diesmal geht nichts mehr.

Zur physischen Ohnmacht tritt eine menschliche Verlassenheit.
Die Außenwelt ist wie abgeschnitten:
Kein Simon von Cyrene, der hilft, das Kreuz zu tragen.
Keine weinenden Frauen, die das Leid begleiten.
Noch nicht einmal Soldaten, die verhöhnen,
oder Schaulistige, die gaffen.
Die Isolation ist total.

Bedrückender noch ist die Verlassenheit von oben.
Der weite Himmel ist grau und leer.
Und er lastet schwer auf dem Kreuz.
Und auf dem Menschen.

Sie sagen gerade:
„Die Religion könnte sich als der eigentliche Verlierer
der Corona-Krise erweisen.“[1]
Die Katastrophe als Strafe Gottes taugt nicht mehr –
und andere religiöse Deutungsvarianten nirgendwo.

Die Bibel sagt seit zweieinhalbtausend Jahren:
Die Katastrophe hat noch nie als Strafe Gottes getaugt.
Hiob, der Gerechte, muss leiden – und findet doch keinen Grund.
Diese bittere Einsicht macht die Religion ehrlich – nicht zum Verlierer.

Hat nicht vielmehr unsere trügerische Sicht verloren,
dass wir ein Recht darauf haben, dass es uns gut geht,
dass zumindest guten Menschen nichts Schlechtes widerfährt,
dass wir uns die Natur dienstbar gemacht haben,
dass wir das Leben kontrollieren können?

Was im Buch Hiob noch große Wildtiere waren,
sind heute kleine Wesen wie Viren und Bakterien.
So oder so, die Natur bleibt ungezähmt.
Die Schöpfung ist nicht nur für den Menschen da.

Wir wollen die Welt gern heil haben und heil machen.
Das aber geht weder technisch noch moralisch.
Wir leben immer auch auf Kosten von anderem Leben.
Wir sind immer auch Täter – und wenn nur aus sicherer Distanz.

Die derzeitige Pandemie zwingt uns die schmerzliche Erkenntnis auf,
dass es Existenzen kosten wird, auf der einen oder der anderen Seite,
egal welche durchgreifenden Entscheidungen auch getroffen werden.
Einfacher ist unser Leben in dieser Welt nicht zu haben.

Solche Wahrheit ist ein Kreuz, niederschmetternd gar.
Wirft sie in diesen Tagen auch mich zu Boden?
Verharre ich in Angst? In Trauer? In Verzweiflung? In Ergebenheit?
Warum bleibt dieser Jesus eigentlich nicht einfach liegen,
warum steht er wieder und trotz allem auf?
Weil es „nur“ um Vorletztes, nicht aber um Letztes geht?

Ein Hauch von Sonne ist geblieben.
Ein zarter Lichtschein liegt auf dem Balken.
Die Ohnmacht ist nicht gottverlassen.

Darin steckt eine Kraft,
die leben lässt im Hier und Jetzt,
wenngleich auch nur vorübergehend.
Das Vorletzte können wir bestehen.
Das Letzte nicht.

Das Letzte liegt allein bei Gott
(oder nirgendwo).



[1] Rudolf Stichweh (Soziologe an der Universität Bonn), Simplifikation des Sozialen

 

 

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