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Karfreitagsmeditation: Die weinenden Frauen

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„Es folgte ihm eine große Menschenmenge, darunter auch Frauen, die um ihn klagten und weinten. Jesus wandte sich zu ihnen um und sagte: Ihr Frauen von Jerusalem, weint nicht über mich; weint über euch und eure Kinder!“

(Lk 23,27-28)

Klageweiber –
eine jahrtausendealte Tradition, um Tote zu ehren;
ein anerkannter Ritus, um Trauer öffentlich zu machen;
eine mitfühlende Regung, um Hinterbliebene nicht allein zu lassen.

Aber auch ein Job,
ein lukratives Geschäft, um ein wenig Geld zu verdienen;
eine mietbare Kulisse, um Reichtum zur Schau zu stellen;
eine willkommene Delegation, um sich der eigenen Bürde öffentlicher Trauer,
dem Kleider zerreißen, dem auf die Brust schlagen, dem Wehgeschrei zu entziehen.

Die Frauen am Wegesrand von Jesu Kreuzweg aber sind anders.
Sie scheren sich nicht um Traditionen, nicht um Gebote und Verbote,
die eine Totenklage  für einen zum Tod Verurteilten untersagen.
Sie haben sich ein Gespür bewahrt, dass hier himmelschreiendes Unrecht geschieht,
sie zeigen aufrichtige Anteilnahme – und riskieren etwas.

Umso verwunderlicher, dass Jesus ihre Klage zurückweist.
Es ist nicht das erste Mal, dass er von öffentlicher Trauer umringt wird.
Damals, beim Tode Lazarus, hatte sie ihn zutiefst „erregt und erschüttert“,
er hatte ihr entsprochen und ein großes Zeichen zum Trost getan
und Lazarus zurück ins irdische Leben gerufen.

Doch diesmal ist die Situation eine gänzlich andere.
Nicht nur, weil Jesus selbst dem Tod ausgesetzt ist,
sondern weil der Grund der Klage ein anderer sein muss.
Wo die menschgewordene Liebe Gottes derart abgelehnt
und brutal und mordend aus dem Weg geräumt wird,
hat das fatale Konsequenzen – für den Menschen selbst.

Immer schon waren es vor allem die Mütter und Kinder,
die zum Opfer Gewalttätiger und ihrer Vernichtungsphantasien wurden,
die Schuldige wie Unschuldige gleichermaßen in den Untergang rissen.

Darauf verweist das Wort Jesu,
das gerade nicht für schroffe Ablehnung,
sondern für mitfühlende Hinwendung steht:
„Weint nicht um mich, weint über euch und eure Kinder.“

Das beklagenswerte Leid der Kinder und Kindeskinder reicht bis in unsere Zeit.
Und doch stehen die vier Frauen, die mit ihren Kindern Schutz suchen,
und unter den Armen Jesu und seines Kreuzbalkens Zuflucht gefunden haben,
nur stellvertretend für alles Leid und Unrecht vor und nach ihnen.

Längst ist die im Frühling das Leben weckende Sonne
der tödlichen Strahlung einer atomaren Explosion gewichen,
die nur noch ein aschfahles Licht auf Szenen unserer Welt wirft:

– auf die japanische Frau,
  die in Hiroshima nur noch hilflos die Hand vor ihr Kind halten kann;
– auf die jüdische Frau,
  die ihren Kindern mit dem gelben Stern das Todesurteil annähen muss;
– die afrikanische Frau,
  die ihren Säugling zur Brust nimmt, auch wenn sie nicht genug zum Stillen hat;
– die palästinensische Frau,
  die als Spielball der Mächtigen ihr Kind bettelnd mit Blechbüchse hinhalten muss.

Unter diesen schmerzenden Szenen des letzten Jahrhunderts,
mag angesichts der heutigen Weltlage vor allem berühren,
dass jüdische wie palästinensische Opfer im Leid vereint sind,
ob sie es selbst nun wahrhaben wollen oder auch nicht.

Was nicht heißt, dass auch die Schuld paritätisch verteilt ist.
Nur eine Seite hat sich die Auslöschung der anderen
auf die Fahnen bzw. ins Regierungsprogramm geschrieben.
Die Konsequenzen aber trifft alle auf allen Seiten,
auch die Unschuldigen in den jeweils eigenen Reihen.

Der Stacheldraht im Hintergrund deutet an,
dass wir Menschen Gefangene einer gewalttätigen Welt sind,
die von Generation zu Generation neues Leid und Tod hervorruft.

Aber da ist auch noch der kraftvoll gezeichnete Buchstabe „Tau“,
dargestellt durch den Körper Jesu und den Balken auf seinen Schultern.
Es ist der letzte Buchstabe des hebräischen Alphabets,
Sinnbild der Vollendung und Siegel Gottes.
Er wird das letzte Wort haben …

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