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„Heiliger“ Judenhass in Christentum und Islam

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Schon immer war das kleine Volk Israel – von einer kurzen Blütezeit unter König David abgesehen – Spielball der umliegenden Großmächte gewesen. Mal waren es die Ägypter, die es versklavten, oder die Babylonier, die es verschleppten; aber erst die römische Besetzung, in deren Folge der Tempel in Jerusalem um das Jahr 70 n.Chr. endgültig zerstört wurde, führte zu einer vollständigen Auflösung des jüdischen Gemeinwesens und einer bald 2000-jährigen Zerstreuung, die erst mit der Gründung des Staates Israel am 14. Mai 1948 zu Ende ging. Noch am selben Tag erklärten die arabischen Nachbarstaaten Israel den Krieg und griffen es militärisch an.

Es war nicht zuletzt wachsender Antisemitismus in Europa gewesen, der Ende des 19. Jhd. die Idee einer „öffentlich-rechtlich gesicherten Heimstätte“ für Juden ins Leben rief. Theodor Herzl, der Begründer des sogenannten politischen Zionismus, sagte damals, er habe erkannt, dass die bisherigen Emanzipations- und Integrationsversuche der jüdischen Bevölkerung in Europa vergebens gewesen seien. Ein künftiges Zusammenleben auf Basis „gegenseitigen Verständnisses und gegenseitiger Duldung“ sah er als unmöglich an.

Zu dieser Einschätzung trug leider auch ein christlicher Antisemitismus bei, der über die Jahrhunderte „gepflegt“ und zum Anlass für Pogrome aller Art genommen wurde. Im Hintergrund stand dabei immer der Topos des Juden als „Gottesmörder“. Sie hatten „unseren Heiland und Erlöser“ umgebracht und sich damit „ewiger Verdammnis“ ausgesetzt. Keine Schandtat schien zu absurd, als dass man sie den Juden nicht unterstellen konnte. Dass Jesus selbst Jude war und noch in seiner Todesstunde einen jüdischen Psalm zu beten beginnt, blendete man einfach aus.

Es stimmt schon, auch im Neuen Testament findet der Antijudaismus bereits Niederschlag. Insbesondere das Johannesevangelium lässt gerne „die Juden“ kollektiv als Gegenspieler Jesu auftreten. Wir wissen heute, dass sich die johanneische Gemeinde zahlreicher Repressalien und Verfolgungen von jüdischer Seite ausgesetzt sah, was die Charakterisierung der Juden in ihrem Text zwar erklärt, aber nicht rechtfertigt. Demgegenüber finden sich im Neuen Testament auch sehr wertschätzende Worte, wenn etwa der Apostel Paulus in seinem Römerbrief die Beziehung der Christenheit zum jüdischen Erbe mit der eines Zweiges zu den Wurzeln eines Baumes vergleicht.

Es gehört zu den großen Verdiensten des Zweiten Vatikanischen Konzils, dass es mit seiner „Erklärung über die Haltung der Kirche zu den nichtchristlichen Religionen“ (Nostra Aetate 1965), nicht nur Wahres und Heiliges in anderen Religionen anerkennt, sondern insbesondere das Verhältnis zum Judentum grundlegend neu bestimmt. Verbunden mit einem eigenen Schuldeingeständnis wird jeglichem Antisemitismus eine klare Absage erteilt und allen Christen auftragen, niemals mehr die Wurzeln ihres Glaubens im Judentum zu vergessen.

Eine solche Selbstkritik und Neubestimmung fordert der Islamwissenschaftler Abdel-Hakim Ourghi (Uni Freiburg) auch für den Islam. Schon als Kind hätte er in seiner algerischen Heimat in der Koranschule das Wort „Jude“ als Schimpfwort kennengelernt: „Du Jude, benimm dich!“ Sein Onkel, ein Imam, hätte ihn mit dem bis heute in Moscheen gebräuchlichen Bittgebet vertraut gemacht: „Möge Allah die verfluchten Juden erniedrigen und zerstören. Möge Allah die Muslime im Kampf gegen die Juden unterstützen.“ So sei er schon früh durch religiöse Autoritäten antisemitisch indoktriniert worden.

Dabei hatten Juden und Muslime in Mekka und Medina anfänglich im 7. Jahrhundert in Frieden zusammengelebt. Der Prophet Mohammed war zunächst gar auf Annäherung aus und nannte den Koran „die Bestätigung dessen, was an Offenbarungen vor ihm da war“ – gemeint waren das Alte und Neue Testament. Erst als die Juden ihn nicht als Gesandten Gottes anerkannten und sich nicht zum Islam bekehrten, wurden sie als Ungläubige betrachtet. Es entstand ein ganzer koranischer Sündenkatalog der Juden, der in der infamen Diffamierung gipfelte, der Zorn Gottes würde Juden als Strafe für ihre Sünden in „abscheuliche Affen“ verwandeln. Ja einige Juden (und Christen) seien bereits in „Affen, Schweine und Götzendiener“ verwandelt worden. Diesen Worten folgten bald Taten: Auf Befehl des Propheten wurden zwei jüdische Stämme in Medina enteignet und vertrieben, an einem dritten wurde ein Massaker verübt, was auch der Koran nicht verschweigt.

Die Behauptung „Der Judenhass habe nichts mit dem Islam zu tun, sondern sei lediglich ein Missbrauch weniger Islamisten“, hält Abdel-Hakim Ourghi für unaufrichtig. Er fordert vielmehr eine ehrliche Erinnerungsarbeit aller Muslime, die sich die Wahrheit über Koran und Geschichte eingesteht. Seit seiner Forderung werden er und seine Familie bedroht – mitten in Deutschland. In Palästina aber wird die vielfach geforderte Zwei-Staaten Lösung, die bereits 1947 von der UNO verabschiedet und von den arabischen Nachbarstaaten damals abgelehnt worden war, nur dann eine Chance haben, wenn die religiösen Ursprünge des Judenhasses auch im Islam aufgearbeitet worden sind.

Dieser Beitrag erscheint in der kommenden OASE (1-2024), die sich  dem Thema „Judentum“ widmen und noch zahlreiche weitere Aspekte jüdischen Lebens beleuchten wird.

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