Der folgende Beitrag wurde für die Zeitschrift „Miteinander“ der Deutschen Bischofskonferenz geschrieben und erscheint in der Ausgabe 1/2026.
Zur Illustration empfehlen wir unbedingt, die spektakulären Aufnahmen vom Bau der Kirche anzuschauen und den Kirchenraum heute zu besuchen.
Von Andreas Blum
Als am 13. November 1960 St. Bonifatius im Londoner East End feierlich eingeweiht wurde, war es bereits das dritte Gotteshaus der hiesigen deutschsprachigen Gemeinde an diesem Platz. Die beiden Vorgängerbauten waren durch Gewölbeeinsturz (1873) und die deutsche Luftwaffe (1940) zerstört worden. Fast 20 Jahre hielt man in den Trümmern das Gemeindeleben aufrecht, bevor man mit Unterstützung der deutschen und englischen (!) Regierung das Geld für den heutigen Neubau zusammengetragen hatte.
Allerdings erwiesen sich die ursprünglichen deutschen Pläne als zu modern für den Erzbischof von Westminster. Dabei wäre der von Toni Hermann entworfene Kubus mit seinen, wie in einem Sternenhimmel arrangierten kleinen Fenstern heute ein funkelndes architektonisches Juwel, das in den benachbarten Altab Ali Park leuchten und Besucher anziehen würde. Aber auch der letztendlich realisierte „Kompromiss“ des Architekturbüros Plaskett Marshall & Partners kann sich sehen lassen. Mit seinen hohen Ziegelmauern und einem schornsteinähnlichen schmalen Kirchturm reihte er sich nahtlos in die umliegende Industrielandschaft der Docklands ein, die mit ihren inzwischen zu Lofts umgebauten Fabriken und Speichern das Stadtbild im East End nahe der Themse zum Teil bis heute prägt. Sogar der bekannte Fotojournalist Sir Don McCullin würdigte um 1962 unsere Kirche mit einer Aufnahme, die inzwischen ihren Weg in die Tate Britain gefunden hat und dort regelmäßig ausgestellt wird.
Während sich das äußere Erscheinungsbild von St. Bonifatius seit 1960 nicht groß verändert hat, wurde der Innenraum mehrfach umgestaltet. So hat man nach der Liturgiereform des Zweiten Vatikanischen Konzils mit Kanzel und Kommunionbänken Barrieren entfernt, um Gott der Gemeinde buchstäblich näher zu bringen. Die jüngste Erweiterung hingegen betrifft fünf großformatige Gemälde des deutschstämmigen und in England sehr bekannten jüdischen Künstlers Hans Feibusch, die dieser ursprünglich für die Synagoge in West London geschaffen hatte. Inzwischen haben die „Five Stories of the Old Testament“ als Dauerleihgabe der Ben Uri Gallery bei uns ihr Zuhause gefunden (s. Miteinander Heft 3/Dezember 2021).
Gefeiert haben wir die 65 Jahre St. Bonifatius mit einem Jubiläumsgottesdienst, den ein Kölner Chor mit rheinisch-fröhlichem Schwung musikalisch gestaltet hat. Schließlich hatten bereits der Kölner Kardinal Schulte 1925 die Einweihung des zweiten Baus, und der Kölner Weihbischof Cleven 1960 die des heutigen Baus begleitet. Entsprechend wollten wir auch diesmal nicht auf „Kölsche Tön“ verzichten. Zu danken haben wir aber vor allem einem Mann, der als Pfarrer der Gemeinde von 1952 bis 1986 das Projekt einer neuen Kirche vorangetrieben und schließlich realisiert hat: dem Pallottiner Pater Felix Leushacke. Seine Vision von St. Bonifatius haben die geschichtsbewussten Engländer 2017 sogar unter Denkmalschutz gestellt.




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