Von Dr. Thomas Kroll
Pastoraltheologe und Filmjournalist, Berlin
„Als das Kind Kind war, / ging es mit hängenden Armen, / wollte der Bach sei ein Fluss“. Ein liedartiger Prolog. Worte von Peter Handke. Eine schreibende Hand. Am Ende des Films dieselbe Hand, derselbe Stift. Man hört: „Ich weiß jetzt, / was kein Engel weiß.“
Wenders Der Himmel über Berlin handelt von Engeln in der damals noch geteilten Stadt Berlin. Die tragen Wintermäntel, keine Flügel. Sie führen das Kinopublikum an wundersame Orte. Wenders Engel pflegen eine poetische Sprache. Sie hören alles, sehen alles, spüren aber nichts, kennen keine Farben. Ein Engel berichtet dem anderen: „Ein Schüler, der seinem Lehrer beschrieb, wie ein Farn aus der Erde wächst. Und der staunende Lehrer.“ Kleine, unscheinbare Begebenheiten. Mystik im Alltag? Der Engel Damiel gesteht: „Es ist herrlich, nur geistig zu leben“, und ergänzt: „Ich möchte ein Gewicht an mir spüren, das die Grenzenlosigkeit an mir aufhebt und mich erdfest macht.“ Er trifft auf eine Zirkus-Artistin. Die schwebt einem Engel gleich zwischen Himmel und Erde.
Damiels Menschwerdung inszeniert Wenders auf der Grenze zwischen Ost- und West-Berlin, im Todesstreifen vor der Berliner Mauer. Ein eindrückliches Bild: Menschsein heißt, begrenzt sein. Menschwerdung heißt, sich auf Grenzen einlassen, sich daran reiben – am kommenden Tod zum Beispiel.
Mensch werden heißt für Wenders auch Kind werden, heißt: sich den unverstellten Blick auf die Wirklichkeit bewahren. Mein Film „fordert das Publikum auf, das Staunen zu lernen“, so der Regisseur: „Die alltäglichen Dinge so zu sehen, als ob man sie zum ersten Mal erblickte.“
Das Resümee des Ex-Engels: „Erst das Staunen über uns zwei, das Staunen über den Mann und die Frau, hat mich zum Menschen gemacht. Ich weiß jetzt …“
In Der Himmel über Berlin werden Besonderheit und Schönheit, die menschliches Leben ausmachen, ebenso erfahrbar wie Kleinigkeiten und Begrenzungen, die menschliches Leben kostbar machen. Auf all das lässt Gott sich ein. Das feiern Christen an Weihnachten.
Dieser Beitrag erscheint auch in der kommenden Oase (Ausgabe 4-2025),
die sich dem Thema „Engel“ widmet.
Wir zeigen den „Himmel über Berlin“ mit freundlicher Genehmigung der Wim Wenders Stiftung und des CURZON Verleihs am 13. Dezember 2025 um 18.00 Uhr im Wynfrid House.
Der Eintritt ist frei. Herzliche Einladung!




1 Kommentar
Ich freue mich sehr darauf, diesen Film nach Jahrzehnten wieder einmal zu sehen und bin gespannt, ob sich mir neue Aspekte eröffnen, die ich beim ersten Mal nicht bemerkt habe.