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Ein starker Frauenbund

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Wer unsere Kirche St. Bonifatius betritt, wird sogleich der biblischen Szenen gewahr, die in den kräftigen Farben von Hans Feibusch (1898-1998) an den Wänden des Mittelschiffes hängen. Überlebensgroß sind Mose und Abraham meist schnell erkannt; auch David und Jakob lassen sich nach einer Weile noch identifizieren; nur die drei Frauengestalten, platziert in fruchtbarem Grünland, bereiten den meisten Besuchern dann doch Kopfzerbrechen. Dabei hängen sie nicht aus Gründen einer neumodischen Parität dort, sondern weil auch sie eine wichtige Geschichte mit ihrem Leben zu erzählen haben. Dieser Überzeugung waren jedenfalls schon die Autoren des Alten Testaments, die das Buch Rut tradiert haben.

Das Buch Rut mag nicht besonders umfangreich sein, aber es gilt als Juwel unter den biblischen Schriften. Kein Geringerer als Goethe pries es in seinem „West-Östlichen Diwan“ als das „lieblichste kleine Ganze, das uns episch und idyllisch überliefert worden ist“. Unter literarischen Gesichtspunkten mag das sicher so sein, aber der Hintergrund des kleinen Buches ist doch rauer und brutaler: Es beginnt mit einer Hungersnot und einer Flucht aus der Heimat, den Frauen sterben die Männer und Söhne weg, rechtlich und wirtschaftlich wenig geschützt, müssen sie ums Überleben kämpfen, was in dieser existentiellen Dramatik eher an Hiob denken lässt als an das „lieblichste kleine Ganze, das uns idyllisch überliefert ist“.

Die Männer sind in der Erzählung zunächst keine große Hilfe. Sie heißen Machlon oder Kiljon, was im Hebräischen so viel wie „Kränklicher“ und „Schwächlicher“ heißt, und bereits nach den ersten vier Versen sind sie alle tot. Zurückbleiben Naomi und ihre zwei Schwiegertöchter Rut und Orpa – nunmehr allesamt Witwen. Gilt das Verhältnis zwischen Schwiegermüttern und -töchtern schon sonst als spannungsanfällig, wird in diesem Fall die dramaturgische Ausgangslage noch einmal dadurch verschärft, dass Naomi aus Juda und die Schwieger-töchter aus Moab stammen, zwei in langer und herzlicher Feindschaft verbundener Regionen.

Aber die drei Frauen halten zusammen, stellen sich dem widrigen Schicksal und meistern es gemeinsam. Wie stark der Bund zwischen ihnen ist, wird deutlich, als Naomi in ihre Geburts-stadt Betlehem zurückkehren will. Beim Abschied ermuntert sie ihre Schwiegertöchter noch, sich neue moabitische Männer zu suchen. Doch die beiden Frauen lassen sich so schnell nicht abwimmeln, sie weinen und klagen und Rut folgt ihr schließlich sogar in die Fremde mit Worten größter Verbundenheit: „Wohin du gehst, dahin gehe auch ich; wo du bleibst, bleibe auch ich. Dein Volk ist mein Volk. Dein Gott ist mein Gott. Nur der Tod soll mich von dir scheiden“. Nicht viele Brautpaare, die dieses Zitat auch heute noch gerne als Hochzeitsspruch wählen wissen, dass es ursprünglich zwischen zwei Frauen fiel.

Im weiteren Verlauf der Erzählung wird Naomi der jungen Rut, die sich nun ihrerseits in der Fremde Judäas zu-rechtfinden muss, zur weisen Ratgeberin. Mit Fleiß und Geschick bringen sich die Frauen in eine Situation, in der nicht nur ihr tägliches Brot gesichert ist, sondern der Verwandte Boas auch beiden weitreichend Schutz gewährt. 

Auf Geheiß Naomis verführt Rut Boas zu nächtlicher Stunde und bahnt so eine Ehe an. Was auf den ersten Blick nach hinterhältiger Kuppelei aussieht, gehört in seiner wohlwollenden Schilderung zu den intimsten Szenen des Alten Testaments und hat deutliche Anklänge an die Begegnung von Mann und Frau im Garten Eden. Auch an dieser Stelle könnte der Kontrast zu den sonst als ruchlos verschrienen Moabiterinnen nicht größer sein. Aus der Ehe zwischen Rut und Boas geht schließlich ein Sohn hervor. Er wird Obed, der „Diener“, genannt, denn er „dient“ der fremden Rut zur vollständigen Anerkennung in Juda, Naomi zur Reintegration in die Familie in Betlehem und beiden zur Versorgung im Alter.

So liegt der erzählerische Fokus des Buches bis zum Ende auf den Frauen, die in ihrer Zugewandtheit gesellschaftliche und wirtschaftliche Widerstände überwinden und politische und feindselige Grenzen einreißen. Von Naomi heißt es, dass ihr Rut „mehr wert war als sieben Söhne“. Der Bibel taugt sie gar als Ahnfrau von König David, die noch bis ins Neue Testament ragt, wenn sie im Stammbaum Jesu ausdrücklich genannt wird. Eine größere Wertschätzung ist kaum denkbar – gerade in patriarchalischer Zeit.

Lebensbäume als weibliche Gottheit Ashera (c) Pixabay

Im Buch der Sprüche findet sich nach dem babylonischen Exil allerdings eine zweite weibliche Gestalt, die bis zu einem gewissen Grad Ashera ersetzt: Es ist „die Weisheit“ (hebräisch „chokmah“; griechisch „sophia“), die wie Ashera als Baum erscheinen kann:

„Wer nach ihr [der Weisheit] greift, dem ist sie ein Lebensbaum, wer sie festhält, ist glücklich zu nennen.“ (Buch der Sprüche 3,18)

Anders als Ashera ist die personifizierte Frau „Weisheit“ aber auch im politischen Bereich aktiv. Sie bestimmt maßgeblich das Weltgeschehen. „Durch mich regieren die Könige und entscheiden die Machthaber, wie es Recht ist; durch mich versehen die Herrscher ihr Amt, die Vornehmen und alle Verwalter des Rechts“. (Buch der Sprüche 8,15)

In der christlichen Dreifaltigkeit wird der Heilige Geist oft auch als eine weibliche Dimension Gottes verstanden. Von dem hebräischen femininen Wort „ruach“ abstammend wird er, beziehungsweise sie, außerdem mit der personifizierten Frau „Weisheit“ in Verbindung gebracht. Trotz des dominant männlichen Gottesbildes entzieht sich Gott jeder menschlichen Kategorisierung und ist immer größer, als wir es mit unseren Worten ausdrücken können.

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