Liebe Schwestern und Brüder,
man kann über alles diskutieren und unterschiedlicher Meinung sein;
mit einer einzigen Ausnahme: Und das ist der Tod.
Der ist sicher, todsicher sozusagen.
Alles Leben kommt an sein Ende. Auch meins. Das ist hart.
Aber für den, der auf absolute Sicherheit pocht, bleibt er das einzig Definitive.
Wir wissen nur nicht, wann er kommt.
In dieser Nacht/an diesem Morgen aber feiern wir das Leben.
Ostern, das zentrale Ereignis der Jesuserzählung,
ohne den es unseren christlichen Glauben gar nicht gäbe.
Angesichts dieser immensen Bedeutung kann nur erstaunen,
wie zurückhaltend, geradezu nüchtern und karg davon berichtet wird.
Genaugenommen beschreibt keines der Evangelien
was am Ostermorgen eigentlich geschehen ist.
Über den entscheidenden Wendepunkt schweigen sie sich aus;
zu groß ist der Respekt für das gänzlich Neue und Unbekannte;
es fehlen die Worte, um es angemessen darzustellen.
Aber sie schildern sehr wohl die Nachwehen,
die zahlreichen Reaktionen auf die Auferstehung;
was man vielleicht mit dem Licht vergleichen kann,
das wir bekanntlich auch nicht sehen können,
wenn es nicht reflektiert wird.
Deshalb ist es im Weltall stockdunkel;
es braucht eine Materie wie die Erde,
damit wir überhaupt etwas sehen.
Heute ist das bei dem, der von sich selbst sagt:
„Ich bin das Licht der Welt“, auch nicht anders.
Seine Auferstehung selbst sehen wir nicht,
aber was sie an Reaktionen auslöst/zurückwirft ist mannigfaltig,
wie wir in den kommenden Wochen bis Pfingsten hören werden.
Bei Matthäus beginnt es – wie eben gehört – mit einem Erdbeben.
Ich bleibe jedes Mal daran hängen, seit ich selbst eins erlebt habe.
Ich meine nicht so ein kleines, wie wir es im Linksrheinischen öfters erleben,
sondern das große von Christchurch Neuseeland vor 15 Jahren.
25 Sekunden: 185 Tote, fast 7.500 Verletzte, eine zerstörte Stadt,
die bis heute noch nicht wieder ganz hergestellt ist.
Ich habe dieses Erdbeben als absoluten Kontrollverlust des Menschen erlebt,
ein Moment totalen Ausgeliefertseins, der absoluten Ohnmacht.
Wenn sich buchstäblich die Erde auftut und Schlammmassen hervorquellen,
wenn die Häuser links und rechts zusammenstürzen (auch die erdbebensicheren)
wenn man nur noch hin- und hergeworfen wird/den Boden unter den Füßen verliert,
da helfen dann auch keine Rettungskräfte mehr, denen es ja ebenso ergeht.
Die unglaublichen Kräfte, die da am Werk waren,
haben einen ganzen Gebirgszug (Südalpen) in die Höhe geschoben.
Kräfte dieser Art sieht nun Matthäus auch bei der Auferstehung am Werk.
Und es war Martin Luther der das Bild aufgriff und noch weiter führte:
„Wenn Christi Auferstehung verkündet wird, gibt´s immer ein Erdbeben!“
Will sagen: Wenn es um Ostern geht,
kommt das vertraute Weltbild ins Wanken,
dann werden alte Gewissheiten hinweggefegt,
die Dinge werden auf den Kopf gestellt,
die Koordinaten des Lebens verschieben sich.
Konkret die Frage: Ist der Tod wirklich das Ende?
Oft sind Erdbeben keine tektonischen Plattenverschiebungen,
sondern innere Erschütterungen, umwälzende Erfahrungen,
von der ersten Liebe bis zum Verlust eines vertrauten Menschen.
Und so nutzt Matthäus das Bild vom Erdbeben,
wie eine umgestülpte, nach außen gekehrte Seelenlandschaft;
es spiegelt die innere Aufruhr der beteiligten Figuren.
Das kennen wir heute noch als Stilmittel aus fast jedem Film:
da sind eine dunkle Nacht und eine karge Schnee- oder Wüstenlandschaft,
eine bunte Blumenwiese und ein herrlicher Sonnenaufgang
nicht nur Hintergrund, sondern immer auch Ausdruck von Befindlichkeiten.
Und was löst das Erdbeben der Auferstehung nun aus?
Von den Wachen heißt es im heutigen Evangelium,
dass sie vor Angst zu zittern begannen und wie tot auf den Boden fielen.
So eine römische Wache bestand aus 16 gut ausgebildeten, bewaffneten Soldaten,
die sich nicht so leicht einschüchtern oder vertreiben ließen – das war ja ihr Sinn.
Und das Siegel, mit dem sie das Grab verschlossen hatten, war das des Kaisers
und symbolisierte die ganze Macht und Autorität des römischen Weltreiches.
Doch angesichts der Auferstehung zittern nun die Vertreter des Kaisers,
fällt das Weltreich, geht in die Knie, ist wie tot und am Ende seines Lateins.
Wie alle menschlichen Reiche ist es trotz aller Leistungen und Erfolge
am Ende auch nur auf Sand gebaut und kann keine endgültige Sicherheit bieten.
Den Soldaten kontrastreich gegenübergestellt werden ausgerechnet Frauen;
auch ihre Welt wankt, schon wieder, zum zweiten Mal nach dem Kreuzestod;
auch ihre Furcht ist groß, so groß, dass ihnen zweimal gesagt werden muss:
„Fürchtet euch nicht!“
Ihre Furcht weicht darauf zwar nicht vollständig,
aber nun empfinden sie zusätzlich auch große Freude.
Zwei Herzen in ihrer Brust, wie sollte es auch anders sein.
„Mysterium tremendum et fascinosum“ (Rudolf Otto, 1917)
so sagen wir angesichts der Erfahrung des Heiligen und Allmächtigen.
Der Ausdruck beschreibt das Göttliche als ein Geheimnis (Mysterium),
das furchtgebietend, überwältigend und ehrfurchtgebietend (tremendum)
aber zugleich auch anziehend, beglückend und faszinierend (fascinosum) ist.
Und wo könnte das eher gelten als beim Erdbeben der Auferstehung?
Aber mit jeder Begegnung weicht die Furcht ein wenig mehr und wächst die Freude:
Das Erfahrene zu verarbeiten und zum Glauben an die Auferstehung zu kommen,
geschieht bei niemandem von jetzt auf gleich, auch in der Bibel nicht.
Ausdrücklich werden die Frauen zweimal auf ihre Heimat Galiläa verwiesen,
dort, in ihrem Alltag, wird er ihnen begegnen, beim Fischen und Essen,
in kleinen und großen Gesten werden sie ihn wiedererkennen
und so wird ihr Glauben wachsen.
Aber am Anfang steht die Erschütterung des sicher geglaubten Weltbildes.
Es hat Risse bekommen.
Der Tod mag sicher sein. Todsicher.
Aber was danach kommt, ist es weiß Gott nicht.
Lassen wir uns mit den Frauen in dieser Nacht erschüttern,
akzeptieren wir die Risse unseres intellektuell begrenztes Weltbildes,
denn diese Risse sind kein Untergang, sondern ein Neuanfang,
oder um es mit einer Liedzeile von Leonard Cohen zu sagen:
„There is a crack, a crack in everything. / That’s how the light gets in.“





1 Kommentar
Eine sehr minuziöse, aber überzeugende Antwort auf die Zweifel, die uns bei der österlichen Feier der Auferstehung befallen. Vielen Dank für die Einpflegung auf der St. Boniface Website!