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Bist du so fremd, dass du nicht weißt?

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Pfr. Bernd Schikofsky in St Bonifatius Whitechapel

Von Pfr. Bernd Schikofsky

Titelbild: Janet Brooks Gerloff, Unterwegs nach Emmaus
(Abtei Kornelimünster)

Liebe Schwestern und Brüder,

Bist du so fremd? Dass du nicht weißt.

Die Frage dürfte Ihnen nicht unbekannt sein. Egal, wie lange Sie jetzt schon in London und Umgebung leben, Sie haben sicher manch eine Situation aus der Anfangszeit in guter Erinnerung behalten.

Please, can you show me the way? In unserem Englischbuch in der Schule war, glaube ich, so etwas zu lesen. Und ein Bild, das zeigte, wie ein freundlicher Bobby gern bereit war, einem Touristen den Weg zu zeigen. Wieviel mehr aber ist man auf Tipps, Hilfestellungen, alltagstaugliche Informationen angewiesen, wenn man längere Zeit irgendwo in der Fremde lebt. Oder sich so verliebt, dass man auf der britischen Insel sein Leben verbringen will? Wenn die Sprache zwar nicht mehr ganz unbekannt ist, es aber immer noch so einige Verständnisbarrieren gibt. Wenn man spürt: Du bist noch nicht so ganz hier angekommen. Es gibt noch vieles, es gibt immer noch einiges für dich zu lernen. Ach sowas, ja das wusste ich tatsächlich noch nicht. Wie gut, dass ich das jetzt weiß.

Kleopas und sein Freund sind Menschen, die in Jerusalem zu Hause sind. Sie sind Israeliten, sie haben ihre Hohenpriester und Führer. Sie haben ihre Verwurzelung in der Geschichte Israels. Sie haben eine Geschichte mit Jesus erlebt, der für sie ein mächtiger Prophet war. Sie werden nicht damit fertig, dass er hingerichtet wurde. Es war wie ein Taumel die letzten Tage. Wie viele andere hatten auch sie große Hoffnungen in ihn gesetzt. Sie gehörten zu seinem Kreis, zusammen mit den zwölf und vielen anderen Frauen und Männern. Jetzt sind sie zu Fuß auf einem Weg von ca. drei Stunden nach Emmaus. Keine Ahnung, warum sie gerade dieses Ziel ausgesucht haben, aber sie wollen vielleicht erst mal einen Tapetenwechsel, weg vom Ort des Geschehens, raus aus dem ganzen Gefühlstaumel, raus aus der allem, was ihre Welt aus den Fugen gebracht hat. Die Stadt, ihre Hohenpriester und Führer, ihr Kreis, der bewunderte Jesus sind ihnen fremd geworden. Ja, sie selbst sind sich und dem Leben ebenfalls fremd geworden. Zwei, die ihre Heimat verloren haben, sind auf ihrem Weg wie Flüchtlinge, wie Auswanderer, wie Gestrandete. Wie nur soll es weiter gehen? Wie können wir wieder Boden unter die Füße bekommen? Das fragen sie sich.

Ein Fremder bringt sie dazu, inne zu halten. Sie, die sich fremd geworden sind, die so vieles befremdet, was sich in diesen Tagen ereignet hat, werden da abgeholt, wo sie stehen. Und es passiert etwas, das man eine paradoxe Intervention nennen könnte: Der Fremde ist der Vertraute und die vom Vertrauten Befremdeten werden durch den Dialog mit ihm irgendwie neu beheimatet. Im Osterglauben. In einem überwältigenden Gefühl von Wahrheit und unsichtbarer Sicherheit.

Sie selbst sprechen von einem Aufflammen, einem Brennen, einem inneren Glühen. Obwohl sie ihn nicht sehen, ihn nicht so wieder haben, wie sie ihn gekannt haben. Das, was sie mit „Wir vermissen ihn so“ ausdrücken könnten, wird ja nicht wirklich eins zu eins geheilt. Sie erleben, wie der Evangelist es beschreibt, lediglich ein kurzes Aufblitzen beim Brechen des Brotes. Aber da waren sie längst schon in die Welt des Fremden eingetaucht, der sie angesprochen hatte. Und das war entscheidend. Der, der ihnen anfangs als der Fremdeste der Fremden in Jerusalem erschienen war, entpuppt sich als einer, der ihnen mit seinen Fragen und seiner Interpretation der Schrift und mit seinem Gottvertrauen die Möglichkeit einer neuen Beheimatung schenkt. Bleib doch bei uns, sagen sie ganz spontan. Später werden sie sagen, sie hätten ihn als lebendig erlebt und erkannt. Und es war für sie eine unumstößliche Gewissheit.

Der Evangelist Lukas ist ja ein meisterhafter Erzähler und mit dieser Geschichte hat er uns eine wunderschöne Ostererzählung gegeben. Ostern, sagt er, ist, wenn meine Fragen und Erschütterungen nicht einfach Ausweglosigkeiten und Rätsel bleiben, sondern sich einfügen in so etwas wie einen Heilsplan, den ich mir ja immer erhoffe für mein Leben und für die Welt. Dem auferstandenen Jesus begegnen heißt vielleicht Erlebnisse und Begegnungen haben, die meine bisherige Sicht verändern, mir die Augen von jemandem wie Jesus geben, der auch trotz und in allem Leid die rettende Hand Gottes spürt. Und indem ich das sage, denke ich an bestimmte Momente in meinem Leben, die mich gerettet haben, die mir neuen Mut gegeben haben, die mich im Glauben gehalten oder weitergeführt haben. Und ich glaube, die Welt ist voll von solchen Geschichten. Sie fangen damit an, dass einer sich für einen anderen interessiert und wissen will: Was beschäftigt dich? Was verstehst du nicht? Was erhoffst du dir?

Die ein oder andere Geschichte dieser Art wird immer wieder auch in dieser Auslandsgemeinde geschrieben. Unsere Welt ist voller Menschen, die in ihrer Buntheit und Unterschiedlichkeit aufeinandertreffen. Aus beruflichen Gründen, aus Liebe oder aus Gründen, die sie zur Flucht aus der Heimat bewegt haben. Sie alle suchen das Leben, das mit der Hoffnungslosigkeit fertig wird. Es ist gut zu sehen, dass Jesus sich in die Rolle des Fremden hineinbegibt. Fremdheit aushalten und kreativ mit ihr umzugehen ist eine Basis allen Lebens. Bringt Unterschiedliches zueinander und heilt auch unsere inneren Einseitigkeiten.  

Fremder, bleib doch bei uns. Das sagen die beiden im Evangelium. Eine Bitte, die auf Wiederholungen wartet.

Dann passiert, bei aller Mobilität und allen Migrationsbewegungen, bei allen Abschieden und Verlusten, bei allen verunglückten Suchbewegungen, die unsere Welt prägen, das, was die Dichterin Hilde Domin ebenso wie die Emmaus-Jünger erlebt hat und auf ihre Weise so beschrieben hat, was im Übrigen aus gutem Grund in einem Flyer dieser Gemeinde zitiert wird.

Ziehende Landschaft

Man muß weggehen können
und doch sein wie ein Baum:
als bliebe die Wurzel im Boden,
als zöge die Landschaft und wir ständen fest.
Man muß den Atem anhalten,
bis der Wind nachläßt
und die fremde Luft um uns zu kreisen beginnt,
bis das Spiel von Licht und Schatten,
von Grün und Blau,
die alten Muster zeigt
und wir zuhause sind,
wo es auch sei,
und niedersitzen können und uns anlehnen,
als sei es an das Grab
unserer Mutter.

Und ich füge einen weiteren Text hinzu. Er stammt von einem Journalisten namens Wolfgang Poeplau und fokussiert den Moment der Veränderung:

Manchmal genügt ein kleines Licht, und ich sehe die Sonne zur Mitternacht. Manchmal genügt ein Regentropfen, und ich schöpfe Wasser aus dem lodernden Feuer. Manchmal genügt eine Träne, und das Meer fließt über. Manchmal genügt ein Wort, und Mauern weichen zurück. Manchmal genügt das Schweigen, und ich höre die Stimme meines Herzens deutlich wie die eines Bruders. Manchmal genügt eine Blume, und ich begreife den Himmel. Manchmal genügt ein Augenblick, und ich weiß, dass ich nicht für den Tod geschaffen bin. (Quelle: Wer die Erde liebt – Wolfgang Poeplau)

Da gingen ihnen die Augen auf – dann sahen sie ihn nicht mehr. Aber sie sagten: Brannte uns nicht das Herz?

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