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Aus Küssen wurden Tränen wurde kraftvolle Verkündigung

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Liebe Schwestern und Brüder,

letzten Montag war ich im Palast,
in der King´s Gallery, um genau zu sein,
eine Einladung zur großen Holbein-Ausstellung,
jenem bedeutenden deutschen Renaissance Maler,
der nicht zuletzt am englischen Hof zu Ruhm und Ehre kam.

Natürlich gab es die bekannten Porträts von Heinrich VIII und Thomas More;
aber geradezu spektakulär und in strahlenden Farben
eröffnet die Ausstellung am Eingang zu ihren Räumen
mit einem anderen, einem biblischen, einem Oster-Motiv:
Maria von Magdala mit dem Auferstandenen.

Im Hintergrund sieht man noch Golgota und einige Kreuze,
zwei davoneilende Männer (Petrus und der Jünger, den Jesus liebte),
und rechts eine kleine Öffnung, die den Blick in das Felsengrab freigibt,
in dem zwei kleine Engel aufscheinen.

Zwei Engel im Grab? Wirklich?
Irgendwie mochte ich mich an dieses Detail einfach nicht erinnern
und sah vorschnell hier schon künstlerische Freiheit am Werk,
bis ich dann beim Nachlesen doch eines besseren belehrt wurde.
Vielleicht liegt es ja daran, dass wir das heute gehörte Evangelium
oft frühzeitig abbrechen und mit den Männern am Grab enden lassen.
Dabei verdient es Marias Geschichte bis zu Ende erzählt zu werden.

Auch sie beugt sich wie die beiden anderen Jünger in das Grab –
und weint – und weint – und weint – und weint.
Gleich viermal begegnet uns ihr „weinen“ in nur wenigen Versen.
Glaube also niemand, dass das Trauma des Kreuzestodes,
der Zusammenbruch von Beziehungen und Hoffnungen,
sie nicht zutiefst erschüttert und verlassen zurückgelassen hätte.


Trauer ist Liebe, so hat es ein Bestatter in meiner Heimat gesagt.
Sie ist ein Zeichen, dass die Beziehung zwischen Menschen
auch mit dem Tod nicht einfach vorbei ist, sondern weitergeht.
Aus Küssen werden Tränen, aber die Liebe bleibt dieselbe.

Trauer kann auch ein Leben lang mitgehen,
denn angesichts des Todes gilt: Es wird niemals mehr, wie es war.
Aber auch aus Tränen kann (in der Liebe) wieder etwas anderes werden.

Doch anfangs ist Maria noch ganz in ihrer Trauer gefangen.
Sie erkennt weder die Engel noch Jesus selbst.
Der Leichnam ist weg. Das Letzte, was ihr noch geblieben war.
Wie soll sie sich nun verabschieden, den letzten Dienst/Ehre erweisen?
Alles wird immer nur noch schlimmer – bevor es besser werden kann.

Die Frage der Engel, wie auch die Frage Jesu: „Frau, warum weinst du?“
bleibt ganz bei Maria, nimmt sie und ihre Trauer ernst,
und eröffnet doch ein Gespräch,
das nicht länger auf das Grab fixiert bleibt.

Maria muss sich umwenden, zuwenden,
eine andere Perspektive einnehmen und gewinnen,
und sie muss es mehrfach tun, denn so einfach ist das nicht.
Dieser Prozess braucht Zeit und kennt immer wieder auch bittere Rückschläge.

Erst als Jesus sie bei ihrem Namen ruft, gehen ihr die Augen auf.
Wie ein Reflex, eingeübt und vertraut zu Jesu Lebzeiten, antwortet sie:
„Rabbuni – mein Meister, mein Lehrer“.

Es scheint typisch für den Auferstandenen:

Die Emmausjünger erkennen ihn am Brotbrechen,
Petrus konfrontiert er dreimal mit der Frage „Liebst du mich“,
und Maria heute ruft er einfach beim Namen:
immer knüpft er an die Beziehungen an,
die die Angesprochenen schon vor Ostern mit ihm hatten.

Aber, und es ist ein großes „Aber“,
alle müssen auch die Erfahrung machen,
dass es keine Rückkehr mehr in das alte Leben gibt.
Der Auferstandene, der sich zu erkennen gibt,
entzieht sich sogleich auch wieder.

„Halte mich nicht fest“,
ist das erste, was er zu Maria sagt.
Das klingt nicht nur grob und abwehrend
sondern widerspricht auch der Heiligen Schrift:
Denn das Hohelied der Liebe im Alten Testament,
erzählt von einer Frau, die in einem Garten intensiv nach ihrem Geliebten sucht,
und die ihn – nachdem sie ihn endlich gefunden hat – packt und nicht mehr los lässt.
So weit, so menschlich, so verständlich.

Aber Maria muss sich von ihrem Geliebten gleich wieder lösen,
muss sich von ihrem eigenen Jesus-Bild verabschieden,
und muss loslassen lernen: „Halte mich nicht fest!“

Es erinnert mich an Edith Stein
und das was wir aus ihren „Kreuzeswissenschaften“ an Karfreitag
von den drei zu durchschreitenden Nächten des Menschseins gehört haben:
Die Nacht der Sinne, die aufgibt, wahrzunehmen,
die Nacht des Geistes, die aufgibt, zu verstehen,
und die Nacht des Glaubens, die aufgibt, ihn festzuhalten.
Erst wenn wir in diesen Nächten angekommen sind,
kann eine neue Morgenröte aufziehen.

Jesus beschreibt sie als „zum Vater hinaufgehen“.
Die neue Wirklichkeit heißt: in der Gegenwart Gottes sein.
Und in einem der wohl schönsten Osterworte tröstet Jesus:
Mein Vater ist euer Vater – und mein Gott ist euer Gott.
Will sagen: sein Weg wird auch unser Weg sein;
wir werden nicht als Waisen zurückgelassen,
sondern beizeiten mitgenommen.

Maria hat sich vom Alten lösen und auf das Neue einlassen können.
Aus ihren Küssen wurden Tränen wurde kraftvolle Verkündigung.
Als einer der ganz Wenigen ist sie dreifache Zeugin
nämlich des Lebens, des Todes und der Auferstehung Jesu.
„Apostolin der Apostel“ wurde sie schon früh bewundernd genannt,
und es ist gut, dass Papst Franziskus ihre alte Ehrenbezeichnung wieder aufgegriffen
und ihren Gedenktag (22. Juli) dem der anderen Apostel liturgisch gleichgestellt hat.

In ihrer ohnmächtigen Trauer,
in ihrer Bereitschaft, sich umzusehen,
in ihrem Mut, sich neues Leben zusprechen zu lassen,
ist sie wahrhaftig Vorbild und Verkünderin des Glaubens.

Ich schaue noch einmal auf das Bild Holbeins:
Noch hält Maria das Salböl für den Leichnam fest in der einen Hand
und greift mit der anderen nach dem zurückweichenden/abwehrenden Jesus,
der noch ganz der Alte ist und nichts vom Gekreuzigten/Auferstandenen hat.
Keine Wundmale, keine Dornenkrone, kein Glorienschein.

Erst jetzt sehe ich die Inschrift: Noli me tangere(„Halte mich nicht fest“)
Holbein hat den entscheidenden Moment der Ostererzählung erkannt.
Ostern ist nicht einfach Wiederkehr oder das Festhalten am Alten;
Ostern ist das Neue, der Aufbruch, das Aufstehen;
oder wie wir sagen: die Auferstehung.

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